von Matthias am 20. Dezember 2008

Cartagena de Indias

Die folgenden Zeilen stellen eine Dokumentation von Gedanken dar, zugegeben stellenweise ein wenig verstrickt. Dies liegt daran, dass das Thema „Medizinstudium“ in meinen Augen eben verstrickt ist und ich Niemandem vorschreiben möchte, was er oder sie zu denken hat. Mit anderen Worten: Ich habe es nicht besser hinbekommen. Falls ich etwas absolut unklar beschreibe, nutzt bitte die Kommentarfunktion und schreibt mir, auch weil ich mich über eure Sichtweisen wirklich mehr als freuen würde.

Seit gestern ist es offiziell: Wir, die Absolventen des Jahrganges 2008, gehen nun frei durch diese Welt – keine Universität, keine Studienordnung, kein Semesterplan mehr. Die Uni (unsere „nährende Mutter“, wie wir sie in Leipzig liebevoll nennen) schubst uns aus dem Nest. Wir fliegen. Ob es gen Süden geht, weiß ich nicht. In jedem Fall wird es nun Zeit, die Flügel auszubreiten und … loszufliegen.

Nicht nur für mich verging diese Zeit wie ein Herzschlag, diese sechs Jahre. Und wenn ich an die Reden der gestrigen Feierlichkeit zurückdenke, umgibt die Frage nach dem Sinn meiner Studienwahl der berühmte Raum für Spekulationen. Ich bin nicht sicher, ob meine Entscheidung wirklich auf einem aufrichtigen Erforschen meiner Talente und Fähigkeiten beruhte, war ich doch mehr als stolz, im schönen Leipzig studieren zu dürfen. Damals bin ich einige Tage vor offiziellem Beginn hierher gekommen um mir einen groben geografischen Überblick zu verschaffen. Ich sehe noch sehr deutlich die Schranke vor mir, welche die Liebigstraße gegenüber dem heutigen operativen Zentrum zweiteilte. Vorbei an alter Biochemie, HNO-Klinik, Anatomie, Bettenhaus und Carl-Ludwig-Institut stieg eine Aufregung ob der vor mir liegenden Jahre in mir auf. Ich hatte wirklich keine Ahnung, was da auf mich wartete. Keines der genannten Gebäude hat mich in seiner damaligen Form überlebt.

Heute sitze ich hier und versuche der verschwommenen Unwirklichkeit der vergangenen Wochen mit klärendem Überblick zu begegnen.
Ich bin jetzt Arzt. Tiefes Ein- und Ausatmen. Wenn ab heute Unfallstellen meine Wege kreuzen, werde ich anhalten und mein Wissen und meine Fähigkeiten einsetzen, so gut ich kann. Die Armen. Mit der Zeit jedoch, daran glaube ich fest, wird das schon irgendwie werden. Man denkt, man wüsste Nichts, oder zumindest nicht sehr viel und der Fall der Fälle könnte schon noch ein bisschen auf sich warten lassen. Der Haken daran ist erstens, dass er diese Rücksicht nicht aufbringen wird und zweitens, dass wir nun mal nur besser werden, in dem wir Dinge machen, sei es „nur“ im Geiste oder in der „echten“ Realität. Und Fehler werden auftreten, ich gebe mich da keinen Illusionen hin. Schön wäre es aber, wenn mir diese Fehler wenigstens ehrlich als solche aufgezeigt würden, damit ich aus ihnen lernen kann. Das Schlimmste wäre aus meiner Sicht, wenn man, der allumfassenden Mentalität des Mangels zum Dank, eben diese wertvolle Rückkopplung nicht bekommt und dadurch monatelang Tag für Tag nach Hause geht und dabei gar nicht wirklich zu Hause ankommt. Der Kopf bleibt in der Klinik und grübelt über all die Unsicherheiten, deren Wesen ein Erfahrener mit wenigen, aber klärenden Worten hätte wandeln können. Diese helfende Art des Miteinanders, die sicher Zeit und Mühen kostet, kann aus meiner Sicht durch keine Lohnerhöhung der Welt ersetzt werden.

Meine bisherigen Erfahrungen sehen jedoch ein wenig anders aus. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die Frage nach dem „Warum“, die, meinem Verstand regelmäßig entspringend, bei zu vielen Dingen unbefriedigt blieb und ein Unverständnis in mir kultivierte, welches von außen möglicherweise als Desinteresse interpretiert, in Unwissen begründet und mit Ablehnung beantwortet wurde. Vielleicht frage ich wirklich zu viel nach, vielleicht sehe ich in bestimmten Strukturen wirklich einfach zu viel Negatives.
Doch was, wenn nicht? Was, wenn genau diese Unrast, die auf unklare „Warum“s folgt, mein größtes Talent ist, obwohl sie sich eine Spur zu oft als größter Feind anfühlt? Tatsache ist, dass ein Arbeiten mit mir einfacher sein könnte und Tatsache ist auch, dass mir Jeder davon abraten würde, so etwas jemals in einem Blog zu veröffentlichen. Das könnte meiner Karriere schaden. Die Antwort, die mir dazu einfällt, lautet, dass mir Nichts mehr schaden könnte, als Unaufrichtigkeit gegenüber Anderen und gegenüber mir selbst. Ich war und bin sicher nicht der perfekte Medizinstudent und ich werde auch sicher nicht der perfekte Arzt sein. Aber ich werde immer zuhören. Und ich werde immer ehrlich sagen, wo ich stehe. Höflich, aber bestimmt.

Frage ich also nach dem Warum des Medizinstudiums, ist die Arbeit mit und für Menschen die möglicherweise unpräzise, aber irgendwie auch einzige Antwort, die ich geben kann. Und nähere ich mich aus dieser Perspektive dem Medizinstudium, dann sage ich, dass es eine möglicherweise unpräzise, aber irgendwie auch die einzige Möglichkeit für mich war. Ich gehe gerne von den Basics zum Speziellen, und wie hätte ich das besser machen können als mit einem Medizinstudium? Sicher ist es nicht perfekt gelaufen, ganz sicher hätte ich es auch von mir aus besser machen können und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sehe ich in diesem System Schwächen, für deren Verbesserung ich eintreten werde. Trotzdem bin ich mehr als dankbar für das Privileg (und als das sehe ich es wirklich) dieses Studium  durchlaufen haben zu dürfen. Und ich empfinde es als große Ehre unzählige coole Leute kennengelernt zu haben und mit Ihnen eben dieses Privileg teilen zu dürfen.

Dies sind ein paar Gedanken zu meinem Medizinstudium. Und gleichzeitig ist dies auch ein Abschiedspost. Abschied von einem Lebensabschnitt, der von Vielen im Nachhinein als der schönste in ihrem Leben bezeichnet wird. Ich weiß nicht, ob das auf mich zutrifft, aber ich weiß, dass ich das nur herausfinden kann, wenn ich jetzt … losfliege.

Und ich weiß, dass diese Zeit für immer in mir gespeichert sein wird, ganz egal, wohin die Reise geht.

Diese wunderbaren Jahre in Leipzig, vom Oktober 2002 bis Dezember 2008.

5 Kommentare zu “Gedanken zu einem Medizinstudium in Leipzig”

  1. Wunderbar. Mit deiner Essenz die edel und aufrichtig ist bist du schon lange ein guter Mensch der jetzt Arzt heißt. Ich will auch Medizin studieren, jedoch, und ein bisschen zum Glück, werde ich etwas jünger als die Masse sein. 24 Jahre.

  2. Lieber Sebastian,
    herzlichen Dank für die lieben Worte. Ich hätte nie gedacht, dass sich jemals jemand für dieses verbale Wirrwarr interessieren könnte. Falls du noch Fragen oder Unklarheiten mit dir herumträgst, schreib mir.
    Viele Grüße,
    Matthias

  3. Ich finde diesen Blog mehr als nur gelungen.
    Du hast eine so tolle Art zu schreiben und irgendwie erkenne ich meine Gedanken darin wieder, auch wenn für mich das Medizinstudium erst dieses Jahr in Leipzig anfangen wird.
    Und wenn ich ehrlich bin machst du mir sogar ein wenig Mut, denn ich frage auch so oft nach dem „warum“.
    Viel Glück weiterhin!

  4. Um die Anderen noch einmal zu wiederholen: „Du hast eine echt tolle Art zu Schreiben!“ Es hat mir sehr viel Spaß gemacht diesen Blog zu lesen – Ich mache erst 2012 mein Abi, aber hoffe (und mit viel Glück) mit meinem Durchscnitt meinen Traumberuf ausüben zu könne.

    Ich wünsche Dir alles Gute!

  5. Ich kann mich den anderen Meinungen nur anschließen…du schreibst toll!!
    Deine Art, Dinge zu hinterfragen und mehr Wissen,Lernen,Verstehen zu wollen und dabei zuzugeben,dass du nicht perfekt bist…bitte bewahre Dir das.Diese „Gabe“ (…eigentlich sollte es selbstverständlich sein,dass man nach dem Warum fragt),die in der heutigen Zeit zu oft als Belastung wahrgenommen wird,macht doch einen guten Menschen und Arzt mit aus.
    Ich wünsch dir Glück und dass du an deinen Prinzipien festhalten kannst und in der „Arbeit mit und für Menschen“ deine Erfüllung findest.

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