von Matthias am 3. Dezember 2008

without words

Mal ehrlich, was weiß der gemeine Medizinstudent am Ende seines PJ’s schon vom Hammerexamen? Nicht wirklich viel. Und das, was er weiß, konzentriert sich auf Themengebiete, Fakten, Lern- und Zeitpläne und einen Ozean strukturarmer Schauergeschichten.
Das ist gut nachvollziehbar, denn es grenzt schon irgendwie an selbstzerstörerisches Verhalten, sich diese scheinbar freudlose, stressbeladene und sinnlos-stupide anmutende Zeit nach ihrem Abschluss immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, um weitergeben zu können, dass dieser Schein trügt.

Denn es lohnt sich, auch einmal die wirklich tollen Sachen, die man durchs Lernen lernt, in das Licht des Bewusstseins zu rücken, die Dinge, die fernab des Mainstream und trotz ihres unbeachteten Daseins wirklich zählen und immerwährend von Bedeutung sind. Dann nämlich tauschen die Schauergeschichten ihren Schauer gegen eine Zuversicht, dass man im Projekt „Staatsexamen“ bei aller Anstrengung und mieser Momente viel mehr gewinnt, als man zunächst denken sollte.

Na, neugierig geworden?

Dann will ich dich nicht länger auf die Folter spannen und dir anvertrauen, was mir vorher keiner über’s Examen verraten hat und wie diese Dinge mein Leben veränderten:

Es gibt gute und schlechte Tage.
Ich habe etliche Wochen gebraucht, um allein das zu begreifen. Ebenso lang benötigte noch einmal die Erkenntnis, dass es klüger ist, sie zu nehmen, wie sie sind, anstatt krampfhaft gegen sie anzukämpfen und oder an ihnen zu haften wie an einer schönen Erinnerung. Was ich erfahren durfte, war, dass man die Täler besser lieben lernt, wenn man die Gipfel genießen möchte. Einfach ist das nicht, eher die härteste Sache der Welt, denn wer gibt schon gern freiwillig Kontrolle ab? Bist du jedoch bereit, täglich und ehrlich daran zu arbeiten die natürlichen Wellen des Lebens anzunehmen, wie sie kommen, wirst du erstaunt sein, wie unsagbar befreiend das sein kann. Und offen gesagt glaube ich mittlerweile, dass ich die Kontrolle, die ich dadurch zu verlieren fürchtete, niemals wirklich besaß.

Wenn du denkst, denke weise.
Jeder Gedanke ist Energie, produziert eine Emotion und somit entspringen alle Emotionen in mir meinem Kopf. Alle. Verzagtheit, Unrast, Freude, Glück, Entspannung, Stress. Alle. Das war eine der bittersten, gleichsam aber auch eine der heilsamsten Pillen, die ich jemals schlucken musste, bedeutet es doch, dass ich Nichts und Niemanden ausser mich selbst für meinen inneren Zustand verantwortlich machen kann. Auf der anderen Seite verleiht dieses Wissen aber auch Einfluss auf das, was vorher von außen induziert zu sein schien und damit die Fähigkeit, es willentlich beeinflussen zu können. Das klappt nicht von Anfang an und sicher auch nicht immer, doch mir ist es wertvoll genug, es mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und es zu üben, Tag für Tag. Somit war diese Erkenntnis vermutlich eines der größten Geschenke dieses Sommers.

Du musst nicht klug sein, sei einfach nur beharrlich.
Noch mal: Du musst nicht klug sein, sei einfach nur beharrlich. Setze diese Beharrlichkeit auf ein ehrliches Bemühen, gib einen guten Schuss Vertrauen hinzu und du erhältst drei wesentliche Säulen jeden nachhaltigen Erfolges. So einfach ist das. Bemühen – Beharrlichkeit – Vertrauen.

Nur ein klares Ziel, ist ein gutes Ziel.
Denn nur ein klares Ziel ist ein erreichbares Ziel. Je klarer desto besser. Im Nachhinein betrachtet fehlte und fehlt es meist nicht an Zeit (siehe unten), sondern an Klarheit. In multiplen, unpräzisen Zielen gepaart mit strengem Perfektionismus lag vermutlich das Grundübel meiner rezidivierenden Frustration während der Lernzeit, vermutlich aber auch während des gesamten Studiums: Ein bisschen Musik hier, ein paar Nachtdienste da, noch ein paar Volksläufe dort und ach ja, studieren willst du ja auch noch. Und überall sollte es perfekt sein. Ich habe schmerzhaft lernen müssen, dass in der Vielseitigkeit Segen und Fluch eine Wohngemeinschaft bilden. Heute weiß ich, dass die Fähigkeit, sich sinnhaft, klar und präzise auszurichten und zu erreichen, worauf diese Ausrichtung weist, die Essenz eines erfüllten Lebens bildet, eine natürliche Quelle unversiegbarer Energie. Und die liegt auch im Ziel „Staatsexamen.“

Immer nur eine einzige Aufgabe.
Mir war schon vor einiger Zeit zu Ohren gekommen, dass man die Multi-Tasking-Geschichte getrost in die Tonne werfen kann (Ok, dann behalt sie meinetwegen noch für erheiternde Frauen-Männer-Debatten bei einem guten Wein.). Jedoch erst, als ich bewusst begann, mich immer nur auf die eine Aufgabe, die gerade vor mir lag, mit Leidenschaft und Freude einzulassen, ihr meine volle Aufmerksamkeit zu schenken und mich 100%ig auf sie zu konzentrieren, betrat ich das, was allgemein als der „Flow“ bezeichnet wird, ein Zustand scheinbar schwere-, zeit- und mühelosen Arbeitens, der Stress in pure Intensität verwandeln kann. Der Runner’s High des Arbeitens und Lernens. Nicht, dass ich ihn jetzt spielend erreiche, doch ich weiß nun, dass der Schlüssel stets und ausschließlich im gegenwärtigen Moment liegt, in dem Wort, was ich jetzt gerade schreibe, in den Zeilen, die du jetzt gerade liest. Dort lag er und liegt er immer. Und dort wird er immer liegen.

Kleine Schritte machen.
Eigentlich ist es so logisch, trotzdem haben wir es scheinbar wieder vergessen; ich zumindest: So wie wir einst laufen lernten, sollten wir auch arbeiten und lernen, zumindest zu Beginn – langsam und mit kleinen Schritten. Dazu gehört eine ordentliche Portion Disziplin, ich weiß: Nichts fällt Schlagzeugern schwerer, als unzählige Male einen kurzen, ganz bestimmten Handsatz im Schneckentempo zu üben oder einem Golfer, der einen Schlag immer und immer wieder ausführt. Dem Gedanken, man könnte das alles schon, folgt ein schier unwiderstehlicher Reiz, Komplexität, Tempo und Intensität zu erhöhen. Widersteht man aber diesem Reiz nur ein klein wenig länger, als man in der Lage zu sein glaubt, so werden aus meiner Erfahrung die Schritte ganz automatisch länger und schneller, ohne dabei an Qualität zu verlieren. Große, stabile Schritte folgen immer nur auf kleinen zu Beginn.

Qualität braucht Zeit.
Ich weiß schon: Wir haben alles, nur keine Zeit. Geht mir genauso. Oder besser: ging. Nein, eigentlich stehe ich irgendwo in der Mitte zwischen „geht“ und „ging“. Sicher, das klingt jetzt provokativ, doch aus meiner Sicht ist das „Keine-Zeit-haben“ ubiquitärer Irrtum und Symptom einer Mangelmentalität zugleich: Wie sollten wir denn etwas „haben“, was gar nicht wirklich existiert? Wir können Zeit nicht „haben“ oder „besitzen“ wie ein Fahrrad oder einen iPod, wir können sie uns nur nehmen und sie nutzen. Für die Dinge, die uns wichtig sind. Ob Staatsexamen, Studium, Freunde, Musik, Blog, Jogging – will ich nachhaltig Qualität, muss ich mir Zeit nehmen. Anders geht es nun mal nicht.

Was man täglich macht, darin wird man gut.
Es spielt keine Rolle, was das ist: Wenn ich mich Tag jeden ärgere, werde ich besser im Ärgern. Wenn ich jeden Tag operiere, werde ich besser im Operieren. Wenn ich jeden Tag lerne, werde ich besser im Lernen. Egal wofür du dich entschieden hast, mach es täglich. Auch wenn du mal keine Lust hast, mach es trotzdem. Denke nicht viel darüber nach, versuch es nicht, mach es. Du wirst nicht besser, indem du es planst oder organisierst, sondern nur, indem du es tust. Und zwar täglich.

Die Mischung macht’s.
Für einen Gesundheitsfreak wie mich war das auf der Ebene Körper-Geist nichts Neues. Neu aber war ihr Wert, den ich während dieses Schreibtischsommers erst richtig zu schätzen lernte. Der Mensch ist keine Maschine, er braucht seinen Ausgleich. Dein Lernerfolg wird unweigerlich in die Höhe schnellen, wenn du neben deinem Verstand auch deinem Körper und deinem Geist die Aufmerksamkeit schenkst, die sie verdienen. Wie genau das aussieht, kannst nur du selbst für dich herausfinden. Doch herausfinden solltest du es. Besser jetzt als später.

Mehr können, als man glaubt.
Nimm die Tage, wie sie sind, denke weise, bemühe dich beharrlich, vertraue deinem Weg, setze klare Ziele, arbeite an einer einzigen Aufgabe mit Leidenschaft, geh kleine Schritte, täglich, halte Kopf, Körper und Geist in gesunder Balance und du wirst staunen, wozu du fähig bist: Bei weitem mehr, als du jemals zu glauben wagtest.

So, nun weißt du es.

Und auch wenn ich es unerwähnt ließ, weißt du natürlich, dass Fehler in Ordnung, Hindernisse normal und Augenblicke einmalig sind. Darum lass dich nicht von Schauergeschichten über ein hartes, aber definitiv machbares und fantastisch bereicherndes Examen entmutigen, sondern freu dich auf die Reise, die du antreten darfst.

Sie ist es wert!

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Bewertung: 4.5/5 (11 Stimmen)
Was mir vorher keiner über's Hammerexamen erzählt hat, 4.5 out of 5 based on 11 ratings

7 Kommentare zu “Was mir vorher keiner über’s Hammerexamen erzählt hat”

  1. Einfach unglaublich!!! Ich möchte nur sagen, Danke…Danke für die unglaublich inspirierende Wörter.

  2. Liebe Shelly – hab ich sehr gern gemacht.
    Vielen Dank und frohe Weihnachten!
    Matthias

  3. Hey hast du zufällig Der längere Atem von George Leonard gelesen? Er spricht von sehr ähnlichen und z. T. gleichen Dingen und ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen!

  4. Hi Birgit,
    nein, das Buch war mir bisher nicht bekannt, deshalb: Vielen Dank für den Tipp!

  5. Vielen Dank, Matthias! hab jetzt im Herbst das Exam..werde sicher öfters an deine texte/tipps denken!!Danke.

  6. Nett gemeint, dafür danke, aber letztlich sehe ich hier leider nur Binsenweisheiten – „Es gibt gute und schlechte Tage“ Echt? „Wenn Du denkst, denke weise“ Das ist ja mal ein guter Tipp 😉 Und dann so schöne Kombinationen aus „Immer nur eine Aufgabe“ und einige Absätze später „Die Mischung machts“.
    Fazit: Gute Intention, ansonsten nicht lesenswerter als „der Alchemist“.

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