von Matthias am 29. Dezember 2008

good question

Pünktlich zum Vorbereitungsbeginn der Hammerexamina 2009 ein Herzliches Willkommen zum ersten Teil der Serie: „Der Weg zum Gipfel: Wie lerne ich für das Hammerexamen?“.

Ich möchte mit den folgenden drei Artikeln essentielle Instrumente für ein erfolgreiches und erfülltes Staatsexamen vermitteln.
Und auch wenn es ungewöhnlich erscheint, muss ich der Lernstrategie, die wir als so unglaublich wichtig ansehen, mit dem heutigen Post  einen ersten, in meinen Augen viel wichtigeren Punkt voranstellen:

Das Ziel

„Kaum verloren wir das Ziel aus den Augen, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.“ Mark Twain)

Der allererste, weil aus meiner heutigen Sicht allerwichtigste Schritt im dreistufigen Prozess einer optimalen Vorbereitung auf das Hammerexamen liegt in einer sinnhaften, klaren und präzisen Zieldefinition.
Seltsamerweise übergehen wir diesen Schritt meist und bauen somit unser Lernfundament unfreiwillig auf wackligem Fundament. Ich habe das gemacht und erfahren, welche Konsequenzen das mit sich bringen kann. Die Gründe für unser Einsteigen bei Schritt Zwei der Planung könnten in einer Form der Bequemlichkeit oder schlicht in Angst zu finden sein: die Bequemlichkeit, sich nicht festlegen zu wollen und die Angst, das gesteckte und kommunizierte Ziel nicht zu erreichen. Ich kann beide Punkte sehr gut verstehen, schließlich fand ich sie auch bei mir selbst. Doch wenn ich etwas gelernt habe, dann dass wir uns keinesfalls aus Bequemlichkeit und/oder Angst heraus die wertvollen Vorteile einer klaren Zielsetzung durch die Lappen gehen lassen sollen.

Der Zweck einer sinnhaften, klaren und präzisen Zieldefinition

Im Ziel liegt Sinn

Lernen ist eine Art von Arbeit, nämlich Wissensarbeit (das Produkt ist Wissen), bei der unser Kopf eine, wenn nicht DIE entscheidende Rolle spielt. Die klare und präzise Zieldefinition hilft wie kaum ein anderes Instrument den Kopf mit seinen unterbewussten Kräften auf dieses Ziel einzustimmen. Unsere Aufmerksamkeit, unsere SINNe erweitern sich für Alles, was uns beim Erreichen dieses Ziels helfen kann, ohne dass wir es bemerken oder es willentlich besser beeinflussen könnten. Im Prinzip genau so, wie wenn wir uns vornehmen auf alles Rote in unserer Umgebung zu achten und dieses wie von Geisterhand dort sichtbar wird, wo wir es gerade eben noch übersahen.
Im Sinn liegt eine Magie, die nicht von dieser Welt ist. Und die sollten und können wir uneingeschränkt nutzen.

Im Ziel liegt Klarheit

Fehlt ein sinnhaftes, klares und präzises Ziel, ist es wie auf einem Laufband: Wir stecken Kraft in Schritte, die uns nicht oder nur wenig voranbringen und trotzdem Unmengen an Zeit, Kreativität und Energie verschlingen. Ohne Ziel keine Effektivität und ohne Ziel keine Zeit. Und umgekehrt: Ein klares Ziel mobilisiert, bündelt und kanalisiert unsere wichtigsten Ressourcen Zeit, Kreativität und Energie, denn es schafft Klarheit, weist uns die Richtung.
Diese Klarheit lernt man zu schätzen, spätestens 14 Tage vor der Prüfung. Und die sollten und können wir uneingeschränkt nutzen, nicht erst 14 Tage vor der Prüfung.

Im Ziel liegt Motivation

Ein klug gewähltes Ziel besitzt die Kraft uns in einem Ausmaß zu motivieren, wie es stärker scheinbar lediglich immenser externer Druck oder die reine Not vermochten. Diese Motivation gründet in einem Gefühl der Wichtigkeit, nicht der Dringlichkeit, welches von Sinn und Klarheit gespeist wird. Es versetzt uns in die Lage dem Sog des Sofas zu widerstehen, ohne Druck und ohne Not. Und nicht nur das. Es lässt uns Dinge erschaffen, von denen wir vorher nur zu träumen wagten.
In einem Wort: Es schenkt uns jene Motivation, mit deren Hilfe wir unsere Träume wahr werden lassen. Auch die sollten und können wir uneingeschränkt nutzen.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass ein sinnhaftes, klares und präzises Ziel unser Navigationssystem darstellt: Es weist uns den richtigen Weg, schützt uns davor die richtige Ausfahrt zu verpassen und erlaubt es uns, volle Konzentration in den gegenwärtigen Schritt, das Hier und Jetzt zu investieren.
Doch wie findet man in der Fülle von Systemen das passende für sich heraus?

Wie findet man DAS Ziel?

Indem man nach dem „Warum?“ fragt:

Warum lerne ich, was möchte ich, was ist mein ZIEL?

Diese Frage ist elementar. Bevor sie nicht vernünftig beantwortet wurde, ist aller Anfang mehr als schwer, vom Durchhalten ganz zu schweigen. Und diese Frage ist ein Geschenk, denn nur sie schafft Klarheit, schenkt Motivation, verleiht Sinn.
Fragen wir nach dem „Warum?“, finden wir unser Ziel. Oder besser es findet uns. Wenn wir uns dann gefunden haben, schreiben wir es auf. Eine auf diesem Wissen basierende Antwort könnte beispielsweise so lauten:
„Ich möchte am 21., 22. und 23. 4. 2009 sieben von zehn Fragen richtig beantworten.“ Oder:
„Ich möchte eine (zwei, drei,…) Wochen vor meiner Prüfung die zehn (15, 20, …) relevantesten Krankheitsbilder pro Fachgebiet absolut sicher drauf haben.“

Der Wortlaut spielt keine große Rolle, nur sinnhaft, klar und präzise muss es sein. Ein „Hauptsache bestehen“ erfüllt keine der genannten Eigenschaften.

Dies ist also der allererste Schritt einer optimalen Lernvorbereitung:
Frag nach dem WARUM, formuliere die Antwort so präzise wie möglich und schreibe sie auf.

Und dies ist im Prinzip auch Alles, was ein STEXler darüber wissen muss.

Doch die STEXDOSE wäre nicht die STEXDOSE, wollte sie nicht ein paar wertvolle und in Aktion erprobte Tipps mit ihren Lesern teilen.

5 Tipps, wie man die Kraft der Ziele optimal für sich nutzt

1. Das Ergebnis geistig vorwegnehmen

Wie weiter oben bereits erwähnt, stecken in einer sinnvoll und präzise gewählten Antwort auf die Frage  nach dem „Warum?“ unbewusste Kräfte. Um diese noch stärker zu mobilisieren, tu Folgendes: Nimm dir ein paar Augenblicke Zeit und stell dir vor, wie es sein wird, wenn du dein Traumziel wirklich erreicht hast. Und zwar in allen Facetten und Details: Was siehst du? Wie fühlt es sich an? Was sagen Freunde und Familie? Usw. Genieß das Gefühl, das sich in dir entfaltet, saug es auf und speichere es wie den Geschmack einer frischen, spanischen Orange. So richtest du dein Unbewusstes mit dem vollen Repertoire seiner Kapazitäten auf dein Ziel aus. Und so versenken Fußballer im Finale ihre Elfmeter.

2. Ein großes und einige kleine Ziele

Setz dir ein großes, also DAS Ziel für dein Projekt Staatsexamen. Und setze dir viele kleine Ziele für die vielen Tage, an denen du auf DAS Ziel hinarbeitest. Ich mache es mittlerweile so, dass ich morgens die 5-7 wichtigsten Ziele meines Tages auf einer Unterlage notiere. Ich mache mir klar, was ich an diesem Tag erreichen möchte, bevor mein Verstand auch nur irgendwie verschmutzt werden konnte und bevor ich beginne, irgendetwas zu tun. Es geht mir dabei nicht nur darum irgendetwas richtig zu tun, sondern darum das Richtige zu tun. Habe ich eine Sache erledigt, hake ich sie ab. Herrlich!

3. Weniger ist mehr

Nutze solche Zielvereinbarungen umsichtig, denn sind sie wirklich gut, können sie dich zu überragender Leistung pushen. Gleichwohl bist du keine Maschine, die ständig am Limit produzieren kann (es sei denn, du möchtest eine sein).  Auch hier ist weniger mehr. Wie viel genau, ist individuell unterschiedlich und u.a. abhängig von Umfang und Intensität der Ziele sowie der individuellen Stresstoleranz. Ich habe für mich festgestellt, dass maximal 2 große und 7 kleine, dafür aber umso bestimmtere Ziele nebeneinander mehr bringen als beispielsweise 10. Hier liegt mein Bereich zwischen Über- und Unterforderung. Wo deiner liegt, kannst nur du herausfinden.

4. Achten, was man schafft

Wir verstärken, was wir beachten.  Darum sollte es uns nicht um die 30 Fragen gehen, für die heute keine Zeit blieb, sondern um die 170, die geschafft wurden. Bemerkenswert sollte nicht sein, wie oft man dem Sog des Sofas doch verfällt, sondern wie häufig man sich stattdessen am Schreibtisch diszipliniert. Die eigene Arbeit (genau wie die Arbeit anderer) zu achten und zu würdigen ist eine gute Möglichkeit, selbstzerstörerisches Gedankengut auf Sparflamme zu halten.

5. Abends niemals an morgen denken

Nach einem harten Lerntag gibt es aus meiner Erfahrung kaum Destruktiveres, als sich vor dem Einschlafen Gedanken über die Masse an Zielen zu machen, die am nächsten Tag eine Rolle spielen KÖNNTEN. Mach das niemals! Die Lücke zwischen dem Hier (Abend) und dem Dort (Morgen) bleibt zwangsläufig leer. Und das produziert ganz automatisch Stress. Nutze den Abend als eine Art Heimkehr, damit du am nächsten Morgen gestärkt die Welt verbessern kannst.

Gut, dies soll zum Thema Zieldefinition im Hammerexamen genügen. Im nächsten Post folgt mit der Lernstrategie Schritt Zwei einer strukturierten Examensvorbereitungsvorbereitung.

Falls euch dieser Artikel etwas gebracht hat, freut mich das sehr und ihr seid mehr als willkommen, mir zu schreiben, in zu verlinken oder an Freunde zu senden. Falls nicht, schreibt mir trotzdem.

Vielen Dank!

Euer Matthias

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 von Matthias am 28. Dezember 2008

Mount Everest from monastery window

Wenn ich vor und auch während meiner Lernzeit gefragt wurde, was ich im Examen „schaffen“ wollte, antwortete ich blitzschnell und eloquent: „Hauptsache bestehen.“ Die meisten antworteten so.

Wir wussten es nicht besser.

Ich habe in den vergangenen Wochen sehr viel über dieses Thema nachgedacht, u.a. da ich mich bereits während des Lernens dem Gedanken nicht erwehren konnte, trotz ausführlicher Planung nicht optimal an das Projekt „Hammerexamen“ herangegangen zu sein. Und wenn ich mir nun meine Aufzeichnungen so anschaue, erkenne ich klar, warum es nicht ganz so funktioniert hat, wie ich es mir hinter dem „Hauptsache bestehen“ meines  Mediziner-Egos wirklich vorgestellt hatte.

Es wäre dumm, wenn ich dieses Wissen nicht weitergeben würde.

Ich möchte euch darum mit diesen Zeilen einen dreiteiligen Post ans Herz legen, der morgen beginnen wird und sich zum Ziel setzt die Frage: „Wie lerne ich für das Hammerexamen?“ aus ihrer nebeligen Umgebung zu befreien. Er soll Jedem STEXler da draußen helfen, den Blick klar auf die drei aus meiner jetzigen Erfahrung essentiellen Komponenten für ein erfolgreiches Staatsexamen zu lenken:

1. Das Ziel

2. Die Lernstrategie

3. Den Augenblick

Diese drei Komponenten stellen kraftvolle Instrumente für begeistertes Lernen und ein erfülltes Staatsexamen dar. Der Post soll aufzeigen, wie ihr sie einzeln und als Teile eines stark verwobenen Ganzen sinnvoll einsetzen und für euch nutzen könnt, um mit Klarheit und Zuversicht zum Gipfel zu gelangen. Wie immer sind Fragen, Hinweise und Anmerkungen mehr als erwünscht.

Damit wisst ihr es besser als wir.

Bis morgen!

Euer Matthias

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 von Matthias am 20. Dezember 2008

Cartagena de Indias

Die folgenden Zeilen stellen eine Dokumentation von Gedanken dar, zugegeben stellenweise ein wenig verstrickt. Dies liegt daran, dass das Thema „Medizinstudium“ in meinen Augen eben verstrickt ist und ich Niemandem vorschreiben möchte, was er oder sie zu denken hat. Mit anderen Worten: Ich habe es nicht besser hinbekommen. Falls ich etwas absolut unklar beschreibe, nutzt bitte die Kommentarfunktion und schreibt mir, auch weil ich mich über eure Sichtweisen wirklich mehr als freuen würde.

Seit gestern ist es offiziell: Wir, die Absolventen des Jahrganges 2008, gehen nun frei durch diese Welt – keine Universität, keine Studienordnung, kein Semesterplan mehr. Die Uni (unsere „nährende Mutter“, wie wir sie in Leipzig liebevoll nennen) schubst uns aus dem Nest. Wir fliegen. Ob es gen Süden geht, weiß ich nicht. In jedem Fall wird es nun Zeit, die Flügel auszubreiten und … loszufliegen.

Nicht nur für mich verging diese Zeit wie ein Herzschlag, diese sechs Jahre. Und wenn ich an die Reden der gestrigen Feierlichkeit zurückdenke, umgibt die Frage nach dem Sinn meiner Studienwahl der berühmte Raum für Spekulationen. Ich bin nicht sicher, ob meine Entscheidung wirklich auf einem aufrichtigen Erforschen meiner Talente und Fähigkeiten beruhte, war ich doch mehr als stolz, im schönen Leipzig studieren zu dürfen. Damals bin ich einige Tage vor offiziellem Beginn hierher gekommen um mir einen groben geografischen Überblick zu verschaffen. Ich sehe noch sehr deutlich die Schranke vor mir, welche die Liebigstraße gegenüber dem heutigen operativen Zentrum zweiteilte. Vorbei an alter Biochemie, HNO-Klinik, Anatomie, Bettenhaus und Carl-Ludwig-Institut stieg eine Aufregung ob der vor mir liegenden Jahre in mir auf. Ich hatte wirklich keine Ahnung, was da auf mich wartete. Keines der genannten Gebäude hat mich in seiner damaligen Form überlebt.

Heute sitze ich hier und versuche der verschwommenen Unwirklichkeit der vergangenen Wochen mit klärendem Überblick zu begegnen.
Ich bin jetzt Arzt. Tiefes Ein- und Ausatmen. Wenn ab heute Unfallstellen meine Wege kreuzen, werde ich anhalten und mein Wissen und meine Fähigkeiten einsetzen, so gut ich kann. Die Armen. Mit der Zeit jedoch, daran glaube ich fest, wird das schon irgendwie werden. Man denkt, man wüsste Nichts, oder zumindest nicht sehr viel und der Fall der Fälle könnte schon noch ein bisschen auf sich warten lassen. Der Haken daran ist erstens, dass er diese Rücksicht nicht aufbringen wird und zweitens, dass wir nun mal nur besser werden, in dem wir Dinge machen, sei es „nur“ im Geiste oder in der „echten“ Realität. Und Fehler werden auftreten, ich gebe mich da keinen Illusionen hin. Schön wäre es aber, wenn mir diese Fehler wenigstens ehrlich als solche aufgezeigt würden, damit ich aus ihnen lernen kann. Das Schlimmste wäre aus meiner Sicht, wenn man, der allumfassenden Mentalität des Mangels zum Dank, eben diese wertvolle Rückkopplung nicht bekommt und dadurch monatelang Tag für Tag nach Hause geht und dabei gar nicht wirklich zu Hause ankommt. Der Kopf bleibt in der Klinik und grübelt über all die Unsicherheiten, deren Wesen ein Erfahrener mit wenigen, aber klärenden Worten hätte wandeln können. Diese helfende Art des Miteinanders, die sicher Zeit und Mühen kostet, kann aus meiner Sicht durch keine Lohnerhöhung der Welt ersetzt werden.

Meine bisherigen Erfahrungen sehen jedoch ein wenig anders aus. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die Frage nach dem „Warum“, die, meinem Verstand regelmäßig entspringend, bei zu vielen Dingen unbefriedigt blieb und ein Unverständnis in mir kultivierte, welches von außen möglicherweise als Desinteresse interpretiert, in Unwissen begründet und mit Ablehnung beantwortet wurde. Vielleicht frage ich wirklich zu viel nach, vielleicht sehe ich in bestimmten Strukturen wirklich einfach zu viel Negatives.
Doch was, wenn nicht? Was, wenn genau diese Unrast, die auf unklare „Warum“s folgt, mein größtes Talent ist, obwohl sie sich eine Spur zu oft als größter Feind anfühlt? Tatsache ist, dass ein Arbeiten mit mir einfacher sein könnte und Tatsache ist auch, dass mir Jeder davon abraten würde, so etwas jemals in einem Blog zu veröffentlichen. Das könnte meiner Karriere schaden. Die Antwort, die mir dazu einfällt, lautet, dass mir Nichts mehr schaden könnte, als Unaufrichtigkeit gegenüber Anderen und gegenüber mir selbst. Ich war und bin sicher nicht der perfekte Medizinstudent und ich werde auch sicher nicht der perfekte Arzt sein. Aber ich werde immer zuhören. Und ich werde immer ehrlich sagen, wo ich stehe. Höflich, aber bestimmt.

Frage ich also nach dem Warum des Medizinstudiums, ist die Arbeit mit und für Menschen die möglicherweise unpräzise, aber irgendwie auch einzige Antwort, die ich geben kann. Und nähere ich mich aus dieser Perspektive dem Medizinstudium, dann sage ich, dass es eine möglicherweise unpräzise, aber irgendwie auch die einzige Möglichkeit für mich war. Ich gehe gerne von den Basics zum Speziellen, und wie hätte ich das besser machen können als mit einem Medizinstudium? Sicher ist es nicht perfekt gelaufen, ganz sicher hätte ich es auch von mir aus besser machen können und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sehe ich in diesem System Schwächen, für deren Verbesserung ich eintreten werde. Trotzdem bin ich mehr als dankbar für das Privileg (und als das sehe ich es wirklich) dieses Studium  durchlaufen haben zu dürfen. Und ich empfinde es als große Ehre unzählige coole Leute kennengelernt zu haben und mit Ihnen eben dieses Privileg teilen zu dürfen.

Dies sind ein paar Gedanken zu meinem Medizinstudium. Und gleichzeitig ist dies auch ein Abschiedspost. Abschied von einem Lebensabschnitt, der von Vielen im Nachhinein als der schönste in ihrem Leben bezeichnet wird. Ich weiß nicht, ob das auf mich zutrifft, aber ich weiß, dass ich das nur herausfinden kann, wenn ich jetzt … losfliege.

Und ich weiß, dass diese Zeit für immer in mir gespeichert sein wird, ganz egal, wohin die Reise geht.

Diese wunderbaren Jahre in Leipzig, vom Oktober 2002 bis Dezember 2008.

 von Matthias am 3. Dezember 2008

without words

Mal ehrlich, was weiß der gemeine Medizinstudent am Ende seines PJ’s schon vom Hammerexamen? Nicht wirklich viel. Und das, was er weiß, konzentriert sich auf Themengebiete, Fakten, Lern- und Zeitpläne und einen Ozean strukturarmer Schauergeschichten.
Das ist gut nachvollziehbar, denn es grenzt schon irgendwie an selbstzerstörerisches Verhalten, sich diese scheinbar freudlose, stressbeladene und sinnlos-stupide anmutende Zeit nach ihrem Abschluss immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, um weitergeben zu können, dass dieser Schein trügt.

Denn es lohnt sich, auch einmal die wirklich tollen Sachen, die man durchs Lernen lernt, in das Licht des Bewusstseins zu rücken, die Dinge, die fernab des Mainstream und trotz ihres unbeachteten Daseins wirklich zählen und immerwährend von Bedeutung sind. Dann nämlich tauschen die Schauergeschichten ihren Schauer gegen eine Zuversicht, dass man im Projekt „Staatsexamen“ bei aller Anstrengung und mieser Momente viel mehr gewinnt, als man zunächst denken sollte.

Na, neugierig geworden?

Dann will ich dich nicht länger auf die Folter spannen und dir anvertrauen, was mir vorher keiner über’s Examen verraten hat und wie diese Dinge mein Leben veränderten:

Es gibt gute und schlechte Tage.
Ich habe etliche Wochen gebraucht, um allein das zu begreifen. Ebenso lang benötigte noch einmal die Erkenntnis, dass es klüger ist, sie zu nehmen, wie sie sind, anstatt krampfhaft gegen sie anzukämpfen und oder an ihnen zu haften wie an einer schönen Erinnerung. Was ich erfahren durfte, war, dass man die Täler besser lieben lernt, wenn man die Gipfel genießen möchte. Einfach ist das nicht, eher die härteste Sache der Welt, denn wer gibt schon gern freiwillig Kontrolle ab? Bist du jedoch bereit, täglich und ehrlich daran zu arbeiten die natürlichen Wellen des Lebens anzunehmen, wie sie kommen, wirst du erstaunt sein, wie unsagbar befreiend das sein kann. Und offen gesagt glaube ich mittlerweile, dass ich die Kontrolle, die ich dadurch zu verlieren fürchtete, niemals wirklich besaß.

Wenn du denkst, denke weise.
Jeder Gedanke ist Energie, produziert eine Emotion und somit entspringen alle Emotionen in mir meinem Kopf. Alle. Verzagtheit, Unrast, Freude, Glück, Entspannung, Stress. Alle. Das war eine der bittersten, gleichsam aber auch eine der heilsamsten Pillen, die ich jemals schlucken musste, bedeutet es doch, dass ich Nichts und Niemanden ausser mich selbst für meinen inneren Zustand verantwortlich machen kann. Auf der anderen Seite verleiht dieses Wissen aber auch Einfluss auf das, was vorher von außen induziert zu sein schien und damit die Fähigkeit, es willentlich beeinflussen zu können. Das klappt nicht von Anfang an und sicher auch nicht immer, doch mir ist es wertvoll genug, es mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und es zu üben, Tag für Tag. Somit war diese Erkenntnis vermutlich eines der größten Geschenke dieses Sommers.

Du musst nicht klug sein, sei einfach nur beharrlich.
Noch mal: Du musst nicht klug sein, sei einfach nur beharrlich. Setze diese Beharrlichkeit auf ein ehrliches Bemühen, gib einen guten Schuss Vertrauen hinzu und du erhältst drei wesentliche Säulen jeden nachhaltigen Erfolges. So einfach ist das. Bemühen – Beharrlichkeit – Vertrauen.

Nur ein klares Ziel, ist ein gutes Ziel.
Denn nur ein klares Ziel ist ein erreichbares Ziel. Je klarer desto besser. Im Nachhinein betrachtet fehlte und fehlt es meist nicht an Zeit (siehe unten), sondern an Klarheit. In multiplen, unpräzisen Zielen gepaart mit strengem Perfektionismus lag vermutlich das Grundübel meiner rezidivierenden Frustration während der Lernzeit, vermutlich aber auch während des gesamten Studiums: Ein bisschen Musik hier, ein paar Nachtdienste da, noch ein paar Volksläufe dort und ach ja, studieren willst du ja auch noch. Und überall sollte es perfekt sein. Ich habe schmerzhaft lernen müssen, dass in der Vielseitigkeit Segen und Fluch eine Wohngemeinschaft bilden. Heute weiß ich, dass die Fähigkeit, sich sinnhaft, klar und präzise auszurichten und zu erreichen, worauf diese Ausrichtung weist, die Essenz eines erfüllten Lebens bildet, eine natürliche Quelle unversiegbarer Energie. Und die liegt auch im Ziel „Staatsexamen.“

Immer nur eine einzige Aufgabe.
Mir war schon vor einiger Zeit zu Ohren gekommen, dass man die Multi-Tasking-Geschichte getrost in die Tonne werfen kann (Ok, dann behalt sie meinetwegen noch für erheiternde Frauen-Männer-Debatten bei einem guten Wein.). Jedoch erst, als ich bewusst begann, mich immer nur auf die eine Aufgabe, die gerade vor mir lag, mit Leidenschaft und Freude einzulassen, ihr meine volle Aufmerksamkeit zu schenken und mich 100%ig auf sie zu konzentrieren, betrat ich das, was allgemein als der „Flow“ bezeichnet wird, ein Zustand scheinbar schwere-, zeit- und mühelosen Arbeitens, der Stress in pure Intensität verwandeln kann. Der Runner’s High des Arbeitens und Lernens. Nicht, dass ich ihn jetzt spielend erreiche, doch ich weiß nun, dass der Schlüssel stets und ausschließlich im gegenwärtigen Moment liegt, in dem Wort, was ich jetzt gerade schreibe, in den Zeilen, die du jetzt gerade liest. Dort lag er und liegt er immer. Und dort wird er immer liegen.

Kleine Schritte machen.
Eigentlich ist es so logisch, trotzdem haben wir es scheinbar wieder vergessen; ich zumindest: So wie wir einst laufen lernten, sollten wir auch arbeiten und lernen, zumindest zu Beginn – langsam und mit kleinen Schritten. Dazu gehört eine ordentliche Portion Disziplin, ich weiß: Nichts fällt Schlagzeugern schwerer, als unzählige Male einen kurzen, ganz bestimmten Handsatz im Schneckentempo zu üben oder einem Golfer, der einen Schlag immer und immer wieder ausführt. Dem Gedanken, man könnte das alles schon, folgt ein schier unwiderstehlicher Reiz, Komplexität, Tempo und Intensität zu erhöhen. Widersteht man aber diesem Reiz nur ein klein wenig länger, als man in der Lage zu sein glaubt, so werden aus meiner Erfahrung die Schritte ganz automatisch länger und schneller, ohne dabei an Qualität zu verlieren. Große, stabile Schritte folgen immer nur auf kleinen zu Beginn.

Qualität braucht Zeit.
Ich weiß schon: Wir haben alles, nur keine Zeit. Geht mir genauso. Oder besser: ging. Nein, eigentlich stehe ich irgendwo in der Mitte zwischen „geht“ und „ging“. Sicher, das klingt jetzt provokativ, doch aus meiner Sicht ist das „Keine-Zeit-haben“ ubiquitärer Irrtum und Symptom einer Mangelmentalität zugleich: Wie sollten wir denn etwas „haben“, was gar nicht wirklich existiert? Wir können Zeit nicht „haben“ oder „besitzen“ wie ein Fahrrad oder einen iPod, wir können sie uns nur nehmen und sie nutzen. Für die Dinge, die uns wichtig sind. Ob Staatsexamen, Studium, Freunde, Musik, Blog, Jogging – will ich nachhaltig Qualität, muss ich mir Zeit nehmen. Anders geht es nun mal nicht.

Was man täglich macht, darin wird man gut.
Es spielt keine Rolle, was das ist: Wenn ich mich Tag jeden ärgere, werde ich besser im Ärgern. Wenn ich jeden Tag operiere, werde ich besser im Operieren. Wenn ich jeden Tag lerne, werde ich besser im Lernen. Egal wofür du dich entschieden hast, mach es täglich. Auch wenn du mal keine Lust hast, mach es trotzdem. Denke nicht viel darüber nach, versuch es nicht, mach es. Du wirst nicht besser, indem du es planst oder organisierst, sondern nur, indem du es tust. Und zwar täglich.

Die Mischung macht’s.
Für einen Gesundheitsfreak wie mich war das auf der Ebene Körper-Geist nichts Neues. Neu aber war ihr Wert, den ich während dieses Schreibtischsommers erst richtig zu schätzen lernte. Der Mensch ist keine Maschine, er braucht seinen Ausgleich. Dein Lernerfolg wird unweigerlich in die Höhe schnellen, wenn du neben deinem Verstand auch deinem Körper und deinem Geist die Aufmerksamkeit schenkst, die sie verdienen. Wie genau das aussieht, kannst nur du selbst für dich herausfinden. Doch herausfinden solltest du es. Besser jetzt als später.

Mehr können, als man glaubt.
Nimm die Tage, wie sie sind, denke weise, bemühe dich beharrlich, vertraue deinem Weg, setze klare Ziele, arbeite an einer einzigen Aufgabe mit Leidenschaft, geh kleine Schritte, täglich, halte Kopf, Körper und Geist in gesunder Balance und du wirst staunen, wozu du fähig bist: Bei weitem mehr, als du jemals zu glauben wagtest.

So, nun weißt du es.

Und auch wenn ich es unerwähnt ließ, weißt du natürlich, dass Fehler in Ordnung, Hindernisse normal und Augenblicke einmalig sind. Darum lass dich nicht von Schauergeschichten über ein hartes, aber definitiv machbares und fantastisch bereicherndes Examen entmutigen, sondern freu dich auf die Reise, die du antreten darfst.

Sie ist es wert!

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