Stethoscope

Liebe STEXler,

im Zuge unseres internistischen Untersuchungskurses vor mehr als drei Jahren hatten meine Seminaruntergruppe und ich das große Glück, Zeit mit Dr. Gerhard Muth verbringen zu dürfen. In den knapp zehn Stunden dieser einen Woche habe ich wahnsinnig viel über die Innere und den Umgang mit Menschen gelernt. Darum freue ich mich riesig, dass sich Dr. Muth, heute Chefarzt am DRK-Krankenhaus Sömmerda, die Zeit für das Interview der Woche auf STEXDOSE genommen hat und sende ein ganz herzliches „Dankeschön!“ in das schöne Thüringen.

STEXDOSE.de: Dr. Muth, vor Ihrer gegenwärtigen Tätigkeit als internistischer Chefarzt am DRK-Krankenhaus Sömmerda in Thüringen haben Sie am Herzzentrum Leipzig gearbeitet, danach waren Sie Oberarzt in Halle-Dölau. Worin sehen Sie, auch im Hinblick auf eine Assistenzarztausbildung, die Vor- und Nachteile eines kleineren Krankenhauses gegenüber einem großen?

Wenn Sie möglichst vielseitig ausgebildet werden möchten, dann sollten Sie eher ein kleines Krankenhaus suchen mit einem engagierten Chef, dem Ihre Ausbildung nicht egal ist. Oder Sie lassen sich davon begeistern, in einer besonderen Sache so richtig am Puls zu sein: Suchen Sie sich ein hochspezialisiertes Zentrum mit wissenschaftlichem Anspruch. Immer aber sind die Personen in der Leitung und die Kommunikationskultur einer Klinik entscheidend und wie gut Sie selbst in das Team hineinpassen. Meiden Sie Abteilungen, in denen Würdenträger, Bedenkenträger und Geheimnisträger dominieren. Von denen werden Sie wenig lernen.

STEXDOSE.de: Bei gemeinsamen Begegnungen fällt immer wieder Ihre gewinnend-freundliche und gelassene Art auf. Wie bewahren Sie sich diese im Stress des Klinikalltags?

Ich hoffe sehr, ich bewahre sie! Fragen Sie bitte meine Mitarbeiter. Ich versuche, nicht auf mein innerliches „Zornkonto einzuzahlen“, sondern lasse auch mal Dampf ab – wenn es geht. Sollte ich gelassen erscheinen, liegt es vielleicht daran, dass ich versuche, freundlich zu mir selbst zu sein.

STEXDOSE.de: Wie motivieren Sie sich?

Mich motiviert, wenn eine Sache gut gelungen ist. Ich motiviere mich selbst meist damit, dass ich den positiven Aspekt einer Sache zu finden suche.

STEXDOSE.de: Was konnten Sie sich während Ausbildung immer ganz schlecht merken und wie haben Sie es sich am Ende dann doch eingeprägt?

Gegenfrage: Welcher Fluss fließt durch Sömmerda? Ich weiß es, aber nur deshalb, weil ich jeden Tag drüber hinweg fahre. Es ist die Unstrut. Wie hab ich mir das merken können ? Ganz einfach: Ich fahr ja jeden Tag drüber (repetitio mater studiorum) und ich bin persönlich dabei (inter-esse). Lassen Sie sich beeindrucken von dem, was Sie gerade lernen, und stellen Sie einen emotionalen Zusammenhang her. Erzählen Sie irgendjemandem von den Dingen, die Sie lernen. Auch wenn Ihr Zuhörer kein Wort versteht, Sie selbst werden es noch ein bisschen besser gelernt haben. Probieren Sie es aus: Es funktioniert (docendo discimus).

STEXDOSE.de: Worauf sollten Ihrer Meinung nach Medizinstudenten in mündlichen Prüfungen achten?

Am Prüfungstag: Seien Sie ruhig ein bisschen selbstsicher! Sie haben gut gelernt, Sie haben die Prinzipien verstanden, Sie können auch mal Zusammenhänge herstellen, Sie haben Ihr Bestes gegeben – Sie werden nicht durchfallen. Die Note – okay, das ist eben die Tagesform. Aber Sie werden den Prüfern klarmachen können, dass Sie zu jedem Fall etwas wissen, wenn sie auch ein wenig an sich selber glauben.

STEXDOSE.de: Was würden sie einem jungen Mediziner im Jahr 2008 raten?

In welcher Hinsicht raten? Vielleicht so: Finde ein Thema in der Medizin, das dich begeistert, und setz dich voll ein. Du hast einen wunderbaren Beruf, genieße es. Wenn Arbeit dauerhaft keine Erfüllung bringt, soll man sie wechseln – das Leben ist kurz. Aber ist Ihnen das eigentlich schon aufgefallen: Die Medizin als Beruf erfüllt leicht die Malignitätskriterien – infiltriert das Privatleben und setzt Metastasen. Dem sollten Sie bewusst etwas entgegensetzen. Und es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Lesen Sie regelmäßig gute Literatur, entdecken Sie Kunst, Natur, Sport, Freundschaft, vielleicht Spiritualität: Sie werden dem Menschsein und sich selbst näher sein.

STEXDOSE.de: Was ist in Ihren Augen die wichtigste Eigenschaft, um als Mensch und Arzt erfolgreich zu sein?

Was ist Erfolg? „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“? Berufliche Position, fachliche Kompetenz, mitmenschliche Kompatibilität, menschliche Reife? Wer weiß, was er will, hat eine steilere Karriere als jemand ohne Ziele. Deshalb schadet es nicht, seine Träume wahrzunehmen und sich daran zu orientieren.

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