Liebe STEXler,

heute keine großen Worte von meiner Seite. Nur dies: Ich bin mehr als glücklich, dass sich Herr Prof. Dr. Matthias Blüher für das Interview der Woche zur Verfügung gestellt hat und möchte ihm dafür von Herzen danken. Ich könnte mir keinen besseren Start in diese Interviewserie vorstellen.

STEXDOSE.de: Herr Prof. Blüher, Sie haben über zwei Jahre an der Harvard University geforscht und gearbeitet. In welchen Bereichen können wir als Studenten in Deutschland etwas von der amerikanischen Mentalität lernen?
Mir ist während meiner Zeit in den USA besonders aufgefallen, dass die Studenten ein viel höheres Maß an Eigenverantwortung für Ihr Studium und Ihre beruflichen Ziele an den Tag legen. Viele Studenten sind während der Semesterferien in wissenschaftliche Labore gegangen und haben dort gearbeitet. Typisch war auch, dass Stationsvisiten immer von Studenten (aus eigenem Verlangen) besucht wurden. Während in Deutschland die Mentalität des passiven Informationsgewinnes und von einer großen Erwartungshaltung gegenüber den Ausbildern geprägt ist, nimmt der amerikanische Student sein Schicksal viel mehr selbst in die Hand. Ein Vorteil in den USA ist sicher das günstige Verhältnis von 3-5 Studenten pro Tutor, was natürlich für beide Seiten das Lernen einfacher macht.

STEXDOSE.de: Sie haben einen Artikel in der Fachzeitschrift SCIENCE veröffentlicht – ein Traum für jeden Wissenschaftler. Wie haben Sie das geschafft?
Natürlich freut man sich als Wissenschaftler über sehr gute Publikationen, aber die sind leider nicht immer planbar. Sicher sind 70% des Erfolges Fleiß und Anstrengungsbereitschaft, aber auch 30% Glück. Viele bedeutende Entdeckungen sind zufällig gemacht worden, aber fast immer von Menschen, die sich in ein Thema und ein Forschungsziel verbissen haben. Im Falle der von Ihnen angesprochenen Science-Arbeit spielte der Zufall auch eine große Rolle. Wir bemerkten, dass speziell für meinen Mausstamm die Haltungskosten enorm hoch waren. Das war darauf zurückzuführen, dass diese Tiere ~20% länger lebten als normale Mäuse. Damit war der Grundstein – zufällig – für eine sehr wichtige Erkenntnis gelegt: Schlanksein und ein erhöhter Energieumsatz scheinen die Lebenserwartung zu verbessern.

STEXDOSE.de: Wie motivieren Sie sich?
Ich beziehe meine Motivation aus dem Bedarf an Erklärungen und Therapiekonzepten für Volkskrankheiten wie Typ 2 Diabetes und Adipositas, die im Kontakt mit Patienten und deren Leidensgeschichte besonders deutlich wird. Zusätzlich motivieren auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse und die erfolgreiche Therapie bei einzelnen Patienten. Es ist schön zu sehen, wie auch kleine Bausteine (wissenschaftliche Ergebisse) dazu beitragen können, das große Ganze der Problemstellung zu lösen. Ganz wichtig für die Motivation ist ein glückliches privates Umfeld, ohne das ein Wissenschaftlerleben mit zum Teil 16-Stunden Arbeitstagen und vielen arbeitsintensiven Wochenenden nicht möglich wäre.

STEXDOSE.de: Was konnten Sie sich während Ausbildung immer ganz schlecht merken und wie haben Sie es sich am Ende dann doch eingeprägt?
Besonders schlecht konnte ich mir Begriffe merken, die scheinbar in keinem Zusammenhang zu einem Mechanismus oder einer Funktion stehen. Da half für mich nur stures Auswendiglernen, in dem ich mir die Begriffe mit der entsprechenden Erklärung laut und häufig aufgesagt habe.

STEXDOSE.de: Sie haben selbst schon unzählige Studenten im mündlichen Staatsexamen geprüft. Was ist Ihnen dabei aufgefallen und worauf sollten Ihrer Meinungen nach Medizinstudenten in der mündlichen Prüfung achten?
Viele Prüfer aus klinischen Fächern fragen und denken sehr praxisorientiert. Dabei sollten die Studenten in ihrer Lernstrategie vor allem darauf achten Wesentliches von Unwesentlichem zu unterschieden. Häufige Erkrankungen werden häufig gefragt und sind in der Praxis wichtiger als Syndrome, die zum Teil die Prüfer selbst noch nie gesehen haben. Was mir auch auffällt ist, dass es Studenten noch teilweise sehr schwer fällt rationelle Strategien für Diagnostik und Therapie zu entwickeln. Das ist aber in der praktischen Berufsausübung entscheidend und kann am besten während Famulaturen oder Visiten gelernt werden.

STEXDOSE.de: Was würden sie einem jungen Mediziner im Jahr 2008 raten?
Der Arztberuf ist immer noch ein wunderschöner Beruf, der tägliche Herausforderungen aber auch Befriedung verspricht. Man sollte sich von der Überbürokratisierung des Arztberufes nicht abschrecken lassen. Das wichtigste am Anfang des Berufslebens ist die selbstkritische Beurteilung der eigenen Fähigkeiten. Lieber einmal zuviel fragen, als vorschnell zu handeln. Was in der Praxis neben dem guten Wissen und den praktischen Fähigkeiten von entscheidender Bedeutung ist: Viele Probleme lassen sich häufig ganz einfach mit gesundem Menschenverstand lösen und der Patient ist kein Befehlsempfänger sondern ein gleichberechtigter Partner, der ein Recht hat umfassend informiert und beraten zu werden.

STEXDOSE.de: Was ist in Ihren Augen die wichtigste Eigenschaft, um als Mensch und Arzt erfolgreich zu sein?
Was die wichtigste Eigenschaft für den Erfolg ist, weiß ich nicht. Ich bin aber überzeugt, dass Bescheidenheit, Selbstkritik, Offenheit und ein gesunder Menschenverstand sehr nützliche Eigenschaften sind, um als Mediziner erfolgreich zu werden.

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